Der historische Stamm der Alauni

 

Vorbemerkung

Wie viele Menschen der Stamm der Alauni vor rund 2500 Jahren (und bis in die Römerzeit hinein) umfasste, was sie dachten und woran sie glaubten, was für Feste und Rituale sie zelebrierten, welchen keltischen Dialekt sie sprachen, ob und wenn, welche Schrift sie verwendeten und viele weitere Details ihres Alltags – das bleibt wohl für immer im Dunkel der Vergangenheit. Und das trotz der unwahrscheinlich reichen archäologischen Funde und Befunde vom Dürrnberg und den daraus abzuleitenden Erkenntnissen. Bisher ist kein einziges Zeugnis der Verwendung von Schrift, nicht ein einziger von einem Kelten geschriebener Buchstabe vom Dürrnberg und seiner Umgebung bekannt!

Historische Quellen

Das Wenige, was wir heute an Schriftlichem über den antiken Volksstamm der Alaunen wissen, erfahren wir aus spärlichen literarischen und epigraphischen Quellen, die in das 2. und 3. Jh. n. Chr., also in die römische Kaiserzeit datieren:

Claudius Ptolemaioss (ca. 100 – 170 n. Chr.), der römische Astronom und Geograph, schreibt in seiner Geographia: „Noricum wird im Westen vom Inn begrenzt, im Norden von der Donau …“ (Ptol. Geogr. II,13,1). „Die westlichen Teile der Provinz haben inne, im Norden angefangen, die Seuaken, die Alaunen und Ambisontier …“ (II,13,2).

Ob der mutmaßlich in Alexandria lebende Grieche Prolemaios jemals seinen Fuß in die ehemals keltischen Gebiete im Nordwesten des Römerreiches setzte, ist unbekannt. Sicher ist, dass zu seinen Lebzeiten noch viele Schriftquellen existierten, aus denen er schöpfen konnte, die jedoch mit dem Zusammenbruch des römischen Reiches und dem heraufziehenden „finsteren“ Mittelalter in den Strudel des Untergangs gerieten und somit in den unergründlichen Tiefen der Geschichte verschwanden.

Etymologie

Orthographisch betrachtet finden wir bei Prolemaios geschrieben: HALOUNI bzw. HALLOUEN; im Keltischen „ou“ und „o“ werden wie „au“ gebraucht/gesprochen (nach P. Reinecke). In ALOUNAE/ALAUNAE oder ALAUNI, wie wir es in latinisierter Form aus einigen Inschriften kennen (s. unten), steckt etymologisch gesehen anscheinend die Bedeutung „Weiß“ und „Hal“ = Salz. Die Alauni waren also die „Weißen“ oder treffender: die „Salzleute“ – diejenigen, die das „weiße Gold“ zu Tage förderten.

Heute begegnet uns noch in der chemischen Substanz Alaun, einem speziellen Salz, das zum Färben und Gerben verwendet wird, diese Wortbedeutung.

Stammesgebiet, Stammessitze und Stammeskontinuität

Die wichtigsten Stammessitze, die sog. Vororte (= Hauptsitze) der Alauni lassen sich lt. P. Reinecke im heutigen Salzburggau und im Chiemgau lokalisieren und zwar in Juvavum-Salzburg, Hallein (sog. „Tal-“ bzw. Handelssiedlung) und Bad Dürrnberg (Bergwerkssiedlung), ferner in Reichenhall und vor allem dann in römischer Zeit in Bedaium-Seebruck am Chiemsee.

In mehreren kelto-römischen Weiheinschriften aus dem Chiemseegebiet, die ins 3. Jh. u.Zt. datieren, werden – neben der „Chiemseegottheit“ Bedaius – offenbar die alten Stammesgottheiten – die Alounae oder Alaunae – genannt (Inschriften aus Bedaium, Chieming u.a. Orten um den Chiemsee mit Nennung der Stammesgottheiten Alounae und/oder Bedaius: s. Vollmer Nr. 12, dat. ins Jahr 237 n., Nrn. 15, 16 u. 26 dat. in die Jahre 225 n. (?), 241 n. u. 219 n.Chr.).

Ob es sich bei den Stiftern der InschriftensJan tatsächlich um die direkten Nachfahren der salzschürfenden Alauni vom Dürrnberg handelt, oder eine ganz andere Tradition dahinter steht, ist fraglich und heute bedauerlicherweise nicht sicher zu entscheiden. Nimmt man einen unmittelbaren Zusammenhang an, dann würde sich hier eine Stammeskontinuität von fast 700 Jahren (450 v.u.Zt. – 3. Jh. n.) wiederspiegeln! Festen historischen Boden für den Stamm der Alaunen haben wir jedoch – wie schon gezeigt – erst in der Römerzeit.

Abb. 1: Noricum Romanum - Noricum in römischer Zeit nach G. Winkler (S) = Hallein/Dürrnberg

Noricum Romanum

Abb. 1: Noricum Romanum – Noricum in römischer Zeit nach G. Winkler (S) = Hallein/Dürrnberg
Weihealtar

Weihealtar

Abb. 2: Weihealtar für die regionale „Chiemgau“-Gottheit Bedaius Sanctus und die alten Stammesgottheiten (?) Alounae

Alaunen und Regnum Noricum

Seit wann und ob das Stammesgebiet der Alauni zum regnum Noricum gehörte und welche politisch-gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Rolle sie in diesem Königtum spielten, ist unklar.

Das norische Königreich entstand um etwa 200 v.u.Zt. durch den Zusammenschluss von 13 keltisch-illyrischen Stämmen unter der Führung der Noriker – auch Taurisker genannt – und wohlwollend-lenkendem Einfluss der Römer. „Das regnum Noricum reichte vom Inn bis an den Ostrand des Wiener Beckens, von der Nordgrenze Italiens am Kamm der Karawanken bis an die Donau, umfasste also das heutige Österreich mit Ausnahme Vorarlbergs, Tirols westlich des Zillertales und des südlichen Burgenlandes und reichte an drei Stellen über das heutige österreichische Staatsgebiet hinaus: in der heute slowenischen Untersteiermark, im italienischen Pustertal und im bayerischen Chiemgau.“ (ANRW II,6, S. 191). Die Namen von acht der 13 Stämme sind uns überliefert: Ambidravii, Ambilinii, Ambisontii, (H)Elvetii, Laianki, Norici/Taurisci, Saevates und Uperaki. Ob die Alauni, die unmittelbar an die Ambisontes grenzten (s. Abb. 1), unter den Gründungsstämmen waren, ist bedauerlicherweise nicht bekannt, jedoch durchaus möglich, ja wahrscheinlich!

Interessant ist auch, dass die Alauni, im Gegensatz zu ihren unmittelbaren Nachbarn, den Ambisontes, Focunates, Cosuanetes und einigen anderen Alpenstämmen, nicht in der Siegesinschrift des Tropaeum Alpium bei La Turbie/Monaco bzw. der literarischen Wiedergabe des Inschriftentextes durch Plinius den Älteren (Nat. Hist. III,133 ff.) als von den Römern bei ihrem Alpenfeldzug von 15 v.u.Zt. in der Reihe der besiegten Keltenstämme erwähnt werden. Das lässt mehrere Schlüsse zu: die Alauni existierten zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, waren vielleicht völlig im Norischen Königreich, in einem anderen Stamm (?) aufgegangen oder waren sie so schwach und bedeutungslos, zum Widerstand gegen die Römer nicht in der Lage und sind von daher nicht erwähnt worden? Oder: sie waren einfach schlau genug, sich nicht in einen völlig aussichtslosen Kampf gegen die brachiale römische Kriegsmaschinerie und damit in den sicheren Untergang zu stürzen. Gab es vielleicht sogar freundschaftliche (Handels-) Beziehungen, sodass die Alauni aus dem Kriegsgeschehen ausgeklammert blieben? Der Verfasser neigt naturgemäß diesen Varianten zu, zumal sich damit die oben genannten InschriftensJan und auch die Erwähnungen von Ptolemäus am besten in Einklang bringen lassen.

Ausblick nach Gallien

Der Begriff Alauni begegnet uns rein geographisch gesehen auch noch wesentlich weiter westlich, in Gallien (Frankreich). Wieder ist es der Geograph C. Prolemaios (Geogr. III,5,24), der uns zunächst einen Alauni Mons, also den Berg Alauni nennt (aus: Handbuch der alten Geographie). Außerdem erscheint des weiteren die Gottheit Mercurius Alaunus in Mannheim, eine Stadt Alaunium in der Gallia Narbonnensis; ferner scheinen in Gallien noch Alauna, Alaunus und Alauni als Stadt-, Fluss- und Völkernamen auf!

Temporini, Hildegard u. Haase, Wolfgang (Hrsg.): ANRW = Aufstieg und Niedergang der Römischen Welt – Geschichte und Kultur Roms, Bd. 2,6, Principat, 6. Politische Geschichte (Provinzen und Randvölker: Lateinischer Donau-Balkanraum), Verlag W. de Gruyter Berlin u. New York 1977

Bechert, Tilmann: Die Provinzen des Römischen Reiches – Einführung und Überblick, (Verlag Philipp v. Zabern) Mainz am Rhein 1999

Dannheimer, Hermann und Gebhard, Rupert (Hrsg.): Das keltische Jahrtausend, Prähistorische Staatssammlung München – Museum für Vor- und Frühgeschichte, Austellungskatalog (Verlag Philipp v. Zabern) Mainz am Rhein 1993

Forbiger, Albert: Handbuch der alten Geographie, 3 Bd.e (Verlag Haendcke & Lehmkuhl) Hamburg 1877

Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande Bd. 1/1842 ( = Bonner Jahrbücher), Bonn 1842

Lexikon der Alten Welt, Bd. 2 (Artemis Verlag) München u. Zürich 1990 s.v. Ptolemaios, Claudius Reinecke, Paul: Örtliche Bestimmung der antiken geographischen Namen für das rechtsrheinische Bayern, in: Der Bayerische Vorgeschichtsfreund (BayVorGF), Heft 6 (1926), S. 24

Vollmer, Friedrich: Inscriptiones Bavariae Romanae sive inscriptiones Raetiae adiectis aliqot Noricus Italisque, München 1915

Wagner, Friedrich: Griechische und lateinische Schriftquellen zur antiken Geographie Bayerns, in: BayVorGF, Doppelheft ½ (1921/22), S. 49 u. 51