Standarten und Herrschaftszeichen

Verfasser: Johannes Haidn

1 Vorbemerkungen

Für den Alpenraum in der vorrömischen Eisenzeit ist die Quellenlage hinsichtlich der Rekonstruktion von Herrschaftssymbolen, persönlichen Würdezeichen und Standarten schwierig. Es existieren nur spärliche archäologische Funde.

Eine hervorragende bildliche Darstellung ist allerdings mit dem Steinrelief von Bormio überliefert. Weitere in Frage kommende Objekte sind als solche zweifelhaft oder schlecht erhalten. Vom Dürrnberg stammt ein – bedauerlicherweise fragmentierter – Fund eines tordierten und sich gabelnden Eisenaufsatzes. Weitere ähnliche Funde sind aus dem übrigen Alpenraum bekannt, die wohl fast alle als Herrschafts- oder Würdezeichen bzw. Standarten anzusprechen sind.

2 Historische Vorlagen

Abb. 1: Steinrelief aus Bormio am Stilfser Joch, Datierung: 450 – 350 v.u.Zt. In Bildmitte die Standarte

Abb. 2: Detail aus dem Bormio-Relief: die Standarte

Eindeutige Funde, die Standarten zeigen, fanden sich in Hallstatt (A), Bologna (I) und Bormio (I). Die „Bormio-Standarte“, die auf einem Steinrelief im Zusammenhang mit zwei Personen abgebildet ist, repräsentiert die wichtigste bildliche Vorlage für eine Standarte (Abb. 1 u. 2). Diese ist nicht eigentlich „keltisch“, sondern sie muss einem inneralpinen autochtonen Volksstamm, mutmaßlich den Raetern, zugerechnet werden.

Laut der Beschreibung von Ludwig Pauli befindet sich die Standarte in der Hand einer namentlich und funktional unbekannten Gottheit. Die Gestalt ist en face dargestellt; sie trägt auf dem Kopf einen Negauerhelm mit Hörnern und hält in der Linken einen tierfellgestaltigen und auffällig mit Spiralen verzierten Schild und in der Rechten ein Würde- oder Herrschaftssymbol – eine Standarte. Zwischen dem Gott und dem ihn verehrenden oder ankündigenden Hornbläser steht eine Lanze, an der mittig ein Rundschild befestigt ist. Die Standarte zeichnet sich durch einen lyraartigen Aufsatz mit Querholz aus, an dem zwei dicke Ringe befestigt sind. Vermutlich war die daran angebrachte Verzierung (Bänder, Girlanden, Tierschweife ?) mit Farbe auf das Relief gemalt, welche natürlich im Laufe der Jahrhunderte verschwunden ist.

Aufgrund der Ausführung und Materialstärke wird der auf dem Relief dargestellte Standartenaufsatz höchstwahrscheinlich aus Metall (Blech) gewesen sein. Holz käme allerdings auch in Frage, würde jedoch das Gewicht beträchtlich steigern.

Ein weiteres interessantes Detail ist der auffällige, stark profilierte Lanzenschuh am Fußende der Standartenhasta.

Bei dem Standartenträger muss es sich m.E. nicht unbedingt um eine Gottheit handeln. Denkbar ist auch, daß sich hier ein Stammesfürst, ein wichtiger Kriegeranführer oder eine sonstige hochgestellte Persönlichkeit darstellt.

Die weiteren Funde, deren charakteristische Machart bei der Gestaltung von Standarten Beachtung finden, sind Herrschaftszeichen aus Imola (I) und Hallein, Dürrnberg (A) (siehe Abb. 3). Hier sind vor allem die Befestigungsmethode (Schaftzwinge) und die schmiedetechnische Ausgestaltung (Tordierung und Gabelung) von Bedeutung. Einen mit dem „Spieß“ aus Imola eng korrespondierenden Fund gibt es vom Magdalensberg, Kärnten (A), den man zunächst als „Tüllenpilum“ ansprechen möchte, was jedoch bei näherer Betrachtung aufgrund seiner Größe, dem Gewicht und der für den Gebrauch als Waffe unzureichenden Schäftbarkeit abzulehnen ist; auch dieses Objekt (s. Abb. 4) ist in den Bereich „Würde- oder Amtszeichen“ zu verweisen (vgl. a. die Beneficiarierlanzen in der Römerzeit!).

Abb. 3: Herrschaftszeichen v.l.n.r.: langer „Spieß“ mit Zwinge, Imola (I), stark fragmentierter „Spieß“ mit Zwinge vom Dürrnberg (A) u. tordiertes u. gegabeltes Objekt aus Imola (I); Datierung: ca. 5. Jh. v.u.Zt.

Abb. 4: Herrschafts- bzw. Würdezeichen vom Magdalensberg: ein tüllenpilumartiger massiver Stabaufsatz, Maße: 77 cm L 5,5 cm B Dm Schaft 3 cm, Gew. 872 g Datierung: 1. Jh. v.u.Zt.

3 Bedeutung und Verwendung von Standarten bzw. Herrschaftszeichen und Feldzeichen

Standarte [1]

Als Standarte (frz.) bezeichnet(e) man:

  • ursprünglich das kaiserliche Reichsbanner
  • in Antike und Mittelalter: an einer Stange gehisstes Feldzeichen
  • die meist quadratische Fahne berittener Truppen
  • das Hoheitszeichen eines Regierungsoberhaupts (z.B. heute noch zu sehen bei Staatsbesuchen vorne auf den Limousinen)
  • in der Jägersprache den Schwanz des Fuchses
  • in der Waffen-SS das Äquivalent eines Regiments
  • bei Großformat- oder Fachkameras die Halterungen für das Objektiv (Objektivstandarte) bzw. das Kamerarückteil (Filmstandarte)

Abb. 5: Gegenüberstellung von Standarte und Fahne [2]

Feldzeichen [3]

Ein Feldzeichen war bei militärischen Operationen (insbesondere auf dem Schlachtfeld) ein optisches Hilfsmittel zur Kennzeichnung von Truppenverbänden.
Das Feldzeichen diente auch zur Befehlsgebung, sowie zum Heben der Kampfmoral. Es diente den Soldaten bis zu einem gewissen Grad als Orientierungshilfe im Kampf, wobei klar sein muß, daß ein Kämpfer in der Hitze des Gefechts nicht unbedingt nach seinem Feldzeichen Aussschau halten konnte! Deshalb gab es noch die Hornisten, die durch Abgabe von akustischen Signalen das Schlachtgeschehen taktisch lenken konnten.

a) Feldzeichen im Römischen Reich

Die römische Armee entwickelte oder übernahm im Laufe der Zeit verschiedene Feldzeichen. Die Legionen der Republik führten jeweils ein Tierzeichen. Dies konnten Eber, Stiere, Wölfe usw. sein.

Unter dem Militärreformer Marius wurden diese individuellen Zeichen abgeschafft. Statt dessen trug jede Legion von nun an die Aquila, den berühmten Legionsadler. Dieser variierte in Form und Haltung. Der Aquilifer hatte die besondere Ehre, dieses Zeichen zu tragen und im Kampf zu verteidigen.

Auch die kleineren Einheiten, Manipel und Centurie, besaßen ihre eigenen Zeichen. Eine hölzerne, oft metallbeschlagene Hand auf einer Stange sollte vermutlich die Hand des Befehlshabenden symbolisieren. Ein Signifer, gekennzeichnet durch ein Wolfsfell, manchmal auch ein Bärenfell, trug und verteidigte es. Ihm zur Seite standen die Antesignani, sozusagen Leibwächter.

An den Stangen wurden Auszeichnungen der Legion/Centurie angebracht. In den Lagern wurden sie in eigenen Fahnenheiligtümern untergebracht.

Die Kavallerie besaß ihre eigenen Zeichen, die Vexilla (Abb.6 Fig. 2).

Im Laufe der Kaiserzeit übernahmen die Römer den Draco. Dies war ein stilisierter Drachenkopf, dessen Ende aus einer Tuchröhre bestand, die im Wind flatterte. Im Kopf selbst wurde eine kleine Düse angebracht, die, wenn der Wind durchfuhr, ein zischendes Geräusch verursachte. Ab dem 4. Jh. verdrängt sie fast vollständig die alten Feldzeichen. Getragen wurde sie vom Draconarius.

Abb. 6: Fig. 1 Adler der römischen Legionen, Fig. 2 sog. Vexillum einer berittenen Einheit, Fig. 3 Feldzeichen einer Cohorte oder Manipel

b) Feldzeichen bei den Türken und Janitscharen

In den Armeen türkischer Sultane, Paschas und Wesire, sowie in militärischen Janitschareneinheiten, diente der Schellenbaum, der auch als Halbmond bezeichnet wurde, als Feldzeichen. Je nach Rang des befehligenden Offiziers war er mit einer unterschiedlichen Anzahl von Pferdeschweifen ausgestattet. Bei Feldlagern stand der Schellenbaum vor dem Kommandozelt.
Später benutzten zunächst österreichische und dann auch preußische Militäreinheiten den Schellenbaum, sahen ihn allerdings mehr als Statussymbol und trugen ihn bei Paraden den Musikzügen voran.

Die Standarte bzw. das Feldzeichen hatte beim römischen Militär eine quasi sakrale Bedeutung. In jedem Militärlager gab es das sacellum, das Fahnenheiligtum, in dem die signa der einzelnen Manipel und Cohorten oder bei einer Legion der Legionsadler und evtl. – wenn vorhanden – die sog. imagines, d.h. die aus Silber getriebenen Gesichtsabbilder des gerade regierenden Kaisers verwahrt wurden. Es gab Weihungen von Feldzeichen und die Verleihung von Auszeichnungen, die für alle sichtbar auf dem Schaft der Standarte bzw. des Feldzeichens befestigt wurden. Dies darf man sich als religiös-rituelle Zeremonie vorstellen. Erst dadurch erklärt sich auch, dass der Verlust von Standarten für die Truppe eine moralische und für den Staat eine politische Katastrophe war. Der erste römische Imperator (zu dt. Kaiser) Octavianus, genannt Augustus, setzte alle nur erdenklichen Mittel ein, um die im Partherkrieg und der sog. Varus-Schlacht im Teutoburger Wald verloren gegangenen Standarten wieder zurück zu bekommen!

Wie Herrschafts-/Würdezeichen bzw. Standarten in vorrömischer Zeit verwendet worden sind, entzieht sich weitgehend unserer Kenntnis. Es ist unklar, ob Standarten in keltischen Kulturräumen – in unserem Fall im Alpenraum – überhaupt so existierten und eingesetzt wurden, wie später von den Römern, d. h. als Feldzeichen im taktischen militärischen Einsatz. Aus den wenigen nichtrömischen archäologischen Funden und den Fundkontexten ist erkennbar, dass Würde- oder Herrschaftssymbole offenbar stark personengebunden waren, denn diese Gegenstände fanden sich immer als Grabbeigaben. Pauli berichtet: „Den bisher beschriebenen Objekten ist gemein, dass sie sich erstens klar von den üblichen Lanzenspitzen unterscheiden und – soweit feststellbar – in Kopfhöhe der Toten gefunden wurden, unabhängig von der eigentlichen Lage der Waffen. So liegt die Deutung nahe, dass es sich um Aufsätze eines Holzschaftes handelt. Dass die Lanzenform nicht unbedingt zwingend war, lehrt ein anderes Objekt aus Imola, Montericco, Grab 60 (s. Abb. 3 rechts), das aufgrund seiner Konstruktion und Lage im Grab gewiss in denselben Zusammenhang zu stellen ist: ein oben gegabelter Eisenstab von 29 cm Länge mit einem teilweise tordierten Schaft und wohl einem Niet zur Befestigung am unteren Ende. Eine Deutung als Waffe oder Zubehör zum Feuerbock und den Bratspießen [die auch noch ins Grab beigegeben waren] kommt nicht in Frage. Die Analyse der Gräber ergibt außerdem noch folgende Details: Erstens stammen alle diese Gegenstände aus Kriegergräbern. Zweitens scheinen sie auf ausgesprochen reiche Gräber konzentriert. […] Drittens sind alle näher bestimmbaren Gräber in das 5. Jahrhundert v. Chr. zu datieren. […] Interpretiert man sie [die Funde aus Abb. 3] relativ neutral als ‚Würdezeichen’ oder ‚Herrschaftszeichen’, die auch als ‚Standarte’ im Kampf verwendet worden sein könnten, ist der Gegensatz zu den bildlichen Darstellungen auffallend. Es fehlen die halbmond- oder flügelförmigen Zusätze unterhalb der Spitze. […].“

Der Vergleich der o. g. Funde mit der Bormio-Standarte offenbart diese Diskrepanz besonders drastisch! Eines ist aber klar: Die darauf dargestellte herausragende ‚Persönlichkeit’ oder Gottheit hält ein, seine persönliche Würde hervorhebendes, Herrschaftszeichen/Standarte in der Hand.

4 Verwendete Literatur

H. Dolenz: Eisenfunde aus der Stadt auf dem Magdalensberg, (Kärntner Museumsschriften 75, Archäologische Forschungen auf dem Magdalensberg 13) Klagenfurt 1998

Die Kelten in Mitteleuropa: Kultur, Kunst, Wirtschaft (Katalog Salzburger Landesausstellung im Keltenmuseum Hallein, Österreich, hrsg. vom Amt der Salzburger Landesregierung, Kulturabteilung, Salzburg 1980).
[Abb. der Bormio-Standarte mit ausführl. Beschreibung u. Lit. hinweisen S. 209/10.]

Markus Junkelmann: Die Legionen des Augustus, 7. durchges. Aufl. Mainz am Rhein 1997
[zu Signa/Feldzeichen/Standarten S. 131 ff. u. 212 ff.]

Ludwig Pauli: Neues über vorrömische Standarten und Hoheitszeichen, in: Archäolog. Korrespondenzblatt, 12. Jg., Mainz 1982, S. 199 – 204
[hieraus oben zitiert!]

Ludwig Pauli: Ein latènezeitliches Steinrelief aus Bormio am Stilfser Joch, in: Germania 51, 1973, S. 85 ff.

Ludwig Pauli: Die Alpen in Frühzeit und Mittelalter, München 1980
[Abb. der Bormio-Standarte u. kurze Beschreibung S. 181.]

5 Abbildungsnachweis und Quellenangaben

Abb. 1 u. 2 aus: L. Pauli, Die Alpen, S. 181
Abb. 3 aus: L. Pauli, Neues über vorrömische Standarten, S. 200
Abb. 4 aus: H. Dolenz, Eisenfunde aus der Stadt auf dem Magdalensberg, (Kärntner Museumsschriften 75, Archäologische Forschungen auf dem Magdalensberg 13) Klagenfurt 1998
[1] Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Standarte aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.
[2] Das Bild „Abb. 4“ basiert auf dem Bild Standarte-Fahne.jpg aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. Der Urheber des Bildes ist Schlurcher.
[3] Dieser Artikel basiert auf dem Artikel Feldzeichen aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.